Donnerstag, 3. November 2016

Betrachtung über die innerlichen Leiden

Vorbereitungsgebet


Es gibt verschiedene Peinen, denen selbst die getreuesten Seelen ausgesetzt sein können, verborgene Leide, die man Niemandem mitteilen, sondern nur Gott allein anvertrauen kann.
Leiden über jene Gegenstände, wo man seinen Trost und Frieden finden sollte.
Leiden in Bezug auf die Beichten, indem man fürchtet, daß sie nicht in der heiligen Stimmung verrichtet sind, die sie erfordern.
Leiden über seine Kommunion, wegen des geringen Trostes, den man darin findet, und des wenigen Nutzen, den man daraus zieht.
Leiden über seine Gebete, wegen der fortwährenden Zerstreuungen, wovon sie angefüllt sind, und die sie fehlerhaft machen können.
Was sollen wir noch sagen?
Man hat Leiden wegen der Versuchungen und bösen Gedanken, von denen man beständig verfolgt wird, und in die man eingewilligt zu haben befürchtet.
Leiden, und große Leiden, aus tausenderlei Skrupeln, die immer wiederkehren, und eine unaufhörliche Aufregung und Unruhe verursachen.
Die Furcht vor dem Tode, vor den Gerichten Gottes, vor der ewigen Verdammnis sind für gewisse Seelen eine unversiegbare Quelle von Leiden und um so größere Leiden, als es sich von den allerwesentlichsten und über Alles entscheidenden Gegenständen handelt.
Personen, die von einem oder dem andern der hier erwähnten Leiden geprüft werden, mögen in der folgenden Betrachtung die kräftigsten Beweggründe der Aufmunterung und des Trostes finden. Es kann dieselbe für die heil. Stunde dienen. Der Gedanke, daß unser Heiland selbst, am Ölberge und am Kreuze unendlich größere innere Leiden hat aushalten wollen, wird den hier angegebenen Gründen der Ergebung noch mehr Kraft verleihen.

Erster Punkt
1. Wenn wir uns dem leidenden Heilande wahrhaft ähnlich machen wollen, dürfen wir nicht bloß an den sichtbaren Leiden Seines Körpers Teil nehmen, sondern auch an den innerlichen Bitterkeiten Seines Herzens; ja wir können sogar vorzüglich durch diese letzteren diese heilige Ähnlichkeit mit unserem göttlichen Vorbilde zu Stande bringen, nach den Worten aus der Nachfolge Christi:
Wenn du einmal in das Innere Jesu Christi eingedrungen wärest.

2. Gott hat Seine Absichten, und Seiner Weisheit würdige Absichten, warum er zuläßt, daß wir von innerlichen Leiden also Preis gegeben werden. Sie sind zwar jetzt unbekannt, aber einstens werden wir Ihm darum Lob singen; wir werden die Absichten Seiner Barmherzigkeit auf uns bewundern: begnügen wir uns jetzt dieselben anzubeten.

3. Ein großes Hindernis der Vollkommenheit für innerliche Seelen ist eine gewisse Grundlage von Eigenliebe und Selbstgefälligkeit: es sind dies heimliche und verborgene Fehler, die nur Gott sieht; diese Fehler und Unvollkommenheiten läßt Er nun auch durch innerliche und verborgene Leiden abbüßen. Dieses heimliche Feuer der Trübsal muß Alles verbrennen, was den Wirkungen der Gnade in der Seele hinderlich sein würde.


Zweiter Punkt
1. Ein solcher Leidenszustand ist kein Zustand der Sünde; im Gegenteile werden oftmals jene Leiden Veranlassung größeren Verdienstes und reinerer Tugenden: die Zeit des Leidens ist die geeignetste für das Wachstum und Gedeihen jener ersten Früchte des Heils.

2. Alle Heiligen haben gelitten; es gibt nicht Einen, der nicht diese Bahn der innerlichen Prüfungen durchschritten hätte. Wir sollen daher Gott danken, daß er uns behandelt, wie ER Seine Lieblinge und Auserwählten behandelt hat. Aus welchem andern Grunde läßt Er uns denselben Weg wandeln, als weil Er uns zu demselben Ziel führen will!

3. Für viele Seelen sind diese inneren Leiden notwendig: wenn sie einen dauerhaften Frieden genößen, würden sie ihn mißbrauchen, sie würden in dem Schooße dieser verführerischen Stille einschlummern. Man würde sich jedes andere Leiden auswählen, allein Gott steht es zu, die Art des Opfertodes zu bestimmen, durch welchen Er Seine Opfer geschlachtet haben will.


Dritter Punkt
1. Wir schaffen uns oft selbst Leiden, oder wenigstens vergrößern oder übertreiben wir sie. Unsere Empfindlichkeit, unsere Zärtlichkeit, unsere Eigenliebe bildet sich oft Ungeheuer von Dingen, die kaum unsere Aufmerksamkeit verdienen. Diese Erinnerungen gehen viele Seelen an, selbst unter den Gerechten.

2. Endlich mögen unsere innerlichen Leiden, unsere geheimen Prüfungen noch so groß und empfindlich sein, von dem Augenblicke, da Gott sie zuläßt, und also uns bestimmt, müssen wir wollen, was Er will. Schließen wir die Augen, bemühen wir uns, weder nachzugrübeln noch zu schauen, sondern uns zu ergeben und zu unterwerfen. Gott siehet und erforschet für uns; lassen wir uns leiten von Ihm; Er wird uns sicher zum Hafen führen; ohne Ihn würden wir traurigen Schiffbruch leiden. Küssen wir die Hand, die uns züchtiget, tragen wir das Kreuz, das Gott uns auferlegt, hoffen wir auf den Lohn, den Er uns verheißt, und halten wir uns versichert, daß unter den innerlichen und verborgenen Leiden auch die größten Vergünstigungen und kostbaren Gnaden verborgen sind.


Schlußgebet (siehe auch Die Heilige Stunde)



entnommen aus: Die Heilige Stunde - Todesangst unseres Herrn Jesus Christus im Ölgarten, Bischöfliche Gutheißung, Benignus, Bischof von Autun 10.02.1830, Verlag Überreuter, 2. Auflage Wien 1850