Donnerstag, 2. Juni 2016

Vom betrachtenden Gebet

Willst Du eine geraume Zeit, etwa eine halbe oder eine ganze Stunde oder länger, dem Gebet obliegen, dann verbinde mit ihm die Betrachtung über das Leben und Leiden Jesu Christi, indem du Seine Handlungen auf die von dir ersehnte Tugend anwendest. Wünschst du beispielsweise die Tugend der Geduld zu erlangen, nimm einige Punkte aus dem Geheimnis seiner Geißelung zum Gegenstand deiner Erwägung.

Erstens:
Der Herr wird von den Knechten der Bosheit unter Hohngeschrei zu dem Orte der Geißelung geschleppt, nachdem Pilatus den Befehl dazu erteilt hatte.
Zweitens:
Wütend reißt man ihm die Kleider vom Leibe, daß er entblößt und nackt dasteht
Drittens:
Mit Stricken werden Seine unschuldigen Hände roh gefesselt und an die Säulen gebunden.
Viertens:
Sein ganzer Körper wird durch die Geißelhiebe zerfetzt und zerrissen, so daß Sein heiligstes Blut in Strömen zur Erde fließt.
Fünftens:
Schlag auf Schlag treffen Ihn die Hiebe auf derselben Stelle, wodurch Seine Wunden immer heftiger brennen und schmerzen.

Nachdem du dir so zur Erwerbung der Geduld diese oder ähnliche Betrachtungspunkte vorgestellt hast, gebrauche die Sinne, um möglichst lebhaft die bitteren Herzensnöte und die grausamen Leiden, die dein lieber Herr an Seinem ganzen Körper wie in Seinen einzelnen Teilen ausgestanden hat, nachzuempfinden.
Sodann wende dich zu Seiner heiligsten Seele und dringe so tief als möglich in die Geduld und Sanftmut ein, mit der Er eine so fürchterliche Mißhandlung ertrug, ohne daß Sein Hunger nach ärgeren und grausameren Leiden und Qualen für die Ehre Seines Vaters und unser Heil gestillt worden wären.
Betrachte ferner, wie Er mit lebhaftem Verlangen wünscht, du möchtest deine Mühseligkeiten ruhig auf dich nehmen, und schau, wie Er sich wieder zum Vater mit der Bitte kehrt, Er möge dir voll Huld die Gnade zuteil werden lassen, geduldig dein augenblickliches, wie auch jedes andere Kreuz zu tragen.
Ringe dich durch zu dem festen Entschluß, alles mit geduldigem Herzen tragen zu wollen, und erhebe daraufhin dein Gemüt zum Vater; danke Ihm vor allem dafür, daß Er Seinen eingeborenen Sohn in die Welt sandte und Ihm auftrug, für dich so bittere Qualen zu erleiden und zu beten, und erflehe dir endlich kraft der Verdienste und Fürsprache Seines Sohnes die Tugend der Geduld.



entnommen aus: Der geistliche Kampf, Lorenzo Scupoli, Erstausgabe 1589, Neuauflage - Imprimatur, 15.April 1934, Dr. Eberhard Hoffmann, Abt S.O.Cist., Abtei Marienstatt