Donnerstag, 4. Mai 2017

Schule der Demut - kurze Betrachtungen für alle Tage des Monats 4

4. Weitere Beweggründe zur Demut


1. Die Erkenntnis der begangenen Sünden wird uns noch nicht allein zur vollkommenen Demut führen. Sie lenkt den Blick unserer Seele einzig nur auf uns selbst, unser Tun und Lassen, während die wahre Demut von sich ganz absehen läßt. Wir haben einen noch tieferen Grund zur Ausübung dieser Tugend, wenn wir so recht einsehen, daß wir nichts sind und nichts haben, als das ,was uns Gott gegeben hat. Jede Gabe der Natur ist ein freies Geschenk Seiner Güte. Das ,was wir uns selbst zuzuschreiben haben, ist fast nur der Mißbrauch dessen, was wir empfangen haben, der Mißbrauch der Talente, der irdischen Güter, des Berufes. Welche Torheit also, stolz zu sein auf das, was Gott gehört!

2. Noch mehr müssen wir erkennen, daß wir nichts sind, wenn wir die übernatürlichen Gaben betrachten. Die natürlichen Gaben sind in unsere Hand gegeben; sie bleiben uns, sind in gewisser Weise unser eigen. Aber die übernatürliche Gabe muß uns stets wieder unmittelbar von Gottes Hand erteilt werden. Ohne Seine zuvorkommende Gnade können wir kein übernatürliches Werk verrichten; keinen Schritt können wir im Guten weiter gehen ohne die begleitende Gnade; endlich können wir nichts Gutes vollenden ohne die vollendende Gnade Gottes. Muß ich da nicht mein eigenes Nichts anerkennen, meine gänzliche Abhängigkeit von Gott, ohne den ich nicht einmal einen ihm wohlgefälligen Gedanken fassen kann?

3. Wen dem aber so ist, wie kann ich da anders sein als demütig. Oder ist es nicht Torheit, auf etwas eitel zu sein, was Gott gehört, was er mir tut und gibt? - "Was hast du, o Mensch, das du nicht empfangen hast?" - O ja, Herr, was ich nicht von Dir empfing, das ist - meine Bosheit, meine Sündhaftigkeit, meine Undankbarkeit! und darauf wollte ich stolz sein?

entnommen aus: Die Schule der Demut, R. F. Clarke SJ, Imprimatur Münster, 27. Februar 1900