Dienstag, 30. Mai 2017

Schule der Demut - Kurze Betrachtungen für alle Tage des Monats 30

Quelle-Wikipedia
30. Die Demut im Himmel


1. Gibt es einen Platz für die Demut bei den Heiligen des Himmels? Oder ist diese Tugend - wie Glauben und Hoffnung - nur dem Tale der Tränen vorbehalten? Es könnte scheinen, als ob im Himmel kein Grund zur Demut vorhanden sei - keine Sünden, keine Unvollkommenheiten, keine Mängel, nichts, was uns verdemütigen könnte. Und doch wird erst im Himmel unsere Demut vollkommen sein, denn erst da haben wir eine richtige Erkenntnis Gottes und unser selbst. Diese Erkenntnis wird uns zeigen unser Nichts, Gottes unendliche Vollkommenheit. Bei dieser Erkenntnis werden wir uns selbst ganz vergessen, so wie wir es auf Erden niemals vermögen, Gott aber wird uns alles in allem sein.

2. Wird diese Erkenntnis unser selbst schmerzlich sein? Nein, vielmehr eine Quelle ewiger Freude. Dann werden wir erst fähig sein, uns in Gott zu erfreuen; unser Glück wird durch keine Eigenliebe verdunkelt werden. Die Bewunderung Seiner vollendeten Schönheit wird uns ganz und voll beschäftigen; in der vollsten Abhängigkeit von ihm wird für uns die wahrste Unabhängigkeit bestehen. Sie wird uns gleichförmig machen dem Bilde des Gottessohnes, bei dem die größte Glorie der Menschheit aus der Abhängigkeit von Seiner göttlichen Natur hervorging.

3. Wir stellen uns die Engel und Heiligen gern vor, wie sie ihre Kronen vor dem Throne Gottes absetzen, auf die Knie fallen und: "Heilige, heilig, heilig, Gott der Heerscharen" singen. Wenn aber die höchste Würde und größte Freude der Heiligen darin besteht, vor dem Throne Gottes niederzufallen und Gott ihre Anbetung darzubringen, so können wir uns auf Erden wahrhaftig nie genug verdemütigen, da ja gerade die Akte der Demut unser Leben dem Leben im Himmel ähnlich gestalten und uns mit einer Freude erfüllen, die ein Vorgeschmack der himmlischen Seligkeit der Verklärten ist.


entnommen aus: Die Schule der Demut, R. F. Clarke SJ, Imprimatur Münster, 27. Februar 1900