Samstag, 27. Mai 2017

Schule der Demut - Kurze Betrachtungen für alle Tage des Monats 27

27. Vorbilder der Demut (Die hl. Gottesmutter)


1. Wer von allen Adamskindern hat sich wohl so der Demut beflissen, wie die allerseligste Jungfrau? Obschon frei von aller Sünde und Unvollkommenheit, hat sie sich doch verdemütigt, wie einer der größten Sünder. Wie kam das? Weil niemand so wie sie die eigene Unwürdigkeit in den Augen Gottes erkannte. Das ist das festeste Fundament für die Demut. Eben weil wir nicht unsern eigenen Unwert und den Mangel an jeglichem Guten in uns erkennen wollen, darum fehlt es uns so sehr an Demut.

2. Weil Maria ein Recht auf den höchsten Platz hatte, suchte sie immer den niedrigsten. So geht es immer und überall. Diejenigen, welche den niedrigsten Platz verdienen, streben nach dem höchsten; die aber, welchen der höchste zukäme, suchen den geringsten. Es sind die Feinde Gottes, die hier triumphieren und herrschen wollen; seine Freunde erkennen den geringsten Platz als den, der ihnen zukommt. Prüfe dich hiernach, ob du zu Gottes Freunden oder Feinden gehörst!

3. Marias Demut ging aus dem Wunsche hervor, ihrem Sohne in allem gleichförmig zu werden. Sie setzte sich in ihrer Demut unter alle, würde sich noch mehr erniedrigt haben, wenn es ihr möglich gewesen wäre. "Sieh , ich bin eine Magd des Herrn", antwortete sie dem Engel, als sie zur Gottesmutter erhoben ward. Wo ihr Sohn verherrlicht wurde, finden wir Maria nicht, bei Seiner tiefsten Erniedrigung aber - unter dem Kreuze - stand Maria. Wenn Maria meine Königin und Mutter ist, will ich suchen ihr nachzufolgen. Wenn die unbefleckte Gottesmutter sich so verdemütigte, wie tief muß nicht ich - armer Erdenwurm - mich dann erniedrigen!


entnommen aus: Die Schule der Demut, R. F. Clarke SJ, Imprimatur Münster, 27. Februar 1900