Freitag, 26. Mai 2017

Schule der Demut - Kurze Betrachtungen für alle Tage des Monats 26

Quelle: Wikipedia
26. Vorbilder der Demut (Jesus Christus)


1. Vergleichen wir die Demut unsers Heilandes mit dem geringen Grade, dessen wir uns zu besitzen rühmen, so scheint es, als ob diese Tugend bei uns diesen Namen gar nicht verdiene. Er - der allmächtige Gott - hat sich erniedrigt zum armseligen Menschenkinde. Ein solche Akt der Demut war eine unendliche Erniedrigung und hatte in den Augen Seines Vaters einen unendlichen Wert. Das göttliche Wort entäußerte sich all Seiner Glorie und Herrlichkeit und wurde ein armes, schwaches Menschenkind. Das war in der Tat ein Wunder der Demut. Worin besteht dagegen unsere Demut? In nichts anderem, als daß wir uns dahin stellen, wohin wir gehören. Wenn ich mich demütige, so zerstöre ich in mir einfach die falsche Meinung, etwas zu sein oder zu gelten.

2. Unser göttlicher Heiland war nicht damit zufrieden, sich in Knechtsgestalt zu hüllen, Er suchte noch jede Art von Zurücksetzung und Verdemütigung auf. Er ließ sich behandeln als einen Toren, als einen vom Teufel Besessenen, als Betrüger, Verführer, Gotteslästerer, Verbrecher. Alles dieses trug er schweigend mit Geduld und Sanftmut. Ist es nicht sonderbar, daß ich vor dem zurückschrecke, was der Sohn Gottes, als der menschlichen Natur zuvorkommend, so geduldig annahm?

3. Er tat noch mehr als das. "Alle unsere Sünden hat Er auf sich genommen." Ja Er belud sich mit den Sünden der ganzen Welt und fand darin einen neuen Grund, sich vor Deinem himmlischen Vater zu verdemütigen. Wenn Er - das unbefleckte Lamm Gottes - hierdurch gleichsam Gründe zur Verdemütigung, zur Erniedrigung suchte, - wie bin ich Ihm da so unähnlich, indem ich alles vermeide, was mich verdemütigt!

entnommen aus: Die Schule der Demut, R. F. Clarke SJ, Imprimatur Münster, 27. Februar 1900