Mittwoch, 24. Mai 2017

Schule der Demut - Kurze Betrachtungen für alle Tage des Monats 24

Quelle: Wikipedia
Pharisäer und Zöllner
24. Erkenntnis der Demut


1. Wie können wir wissen, ob wir wirklich demütig sind? Wenn wir glauben, wir seien demütig, so können wir ganz sicher sein, daß wir es nicht sind. Es gibt kein gewisseres Zeichen von Stolz, als die Annahme, daß wir frei davon sind. Welcher Heilige lebte je, der nicht anerkannte und bekannt hätte, daß der Stolz in ihm wurzele. Ein Heiliger, der sich für wirklich demütig hält, ist kein Heiliger. - Wie weit geht hier meine Selbsterkenntnis?

2. Wenn ich finde, daß ich mit Geduld, ja mit Liebe Widersprüche, Angriffe, kränkende Bemerkungen u. a. von andern annehme, so ist das ein gutes, allerdings noch kein sicheres Zeichen, daß ich demütig bin. Ein Stolz, der die Demut nachäffen will, macht einen Menschen auch manchmal gleichgültig gegen das, was andere ihm zufügen. Ein solcher will sich dann gleichsam erhaben zeigen über alles - gleichgültig gegen die Meinung, die man von ihm hegt. - ist aber weit entfernt von der wahren Demut. - Auch ist Gleichgültigkeit gegen Ehre und lob noch kein Beweis für unsere Demut, diese kann im Gegenteil von Stolz, vom Geiste der Selbstzufriedenheit herrühren.

3. Wenn aber jemand erstens sich selbst als stolz erkennt, zweitens es haßt, von andern gelobt und geehrt zu werden, drittens nach Demütigungen verlangt, ja darum betet und endlich viertens überzeugt ist, daß er den schlechtesten, niedrigsten Platz verdient: dann darf er hoffen, daß er den Weg betreten hat, der ihn mit Gottes Gnade zur Tugend der Demut führt. Prüfe dich und danke Gott für jeden Fortschritt in dieser Tugend, bereue alle Fehler gegen dieselbe!


entnommen aus: Die Schule der Demut, R. F. Clarke SJ, Imprimatur Münster, 27. Februar 1900