Montag, 22. Mai 2017

Schule der Demut - Kurze Betrachtungen für alle Tage des Monats 22

22. Demut bei Erfolg


1. Als St. Petrus und seine Gefährten bei dem Worte Jesu ihre Netzte auswarfen und den wunderbaren Fischzug taten, warf Petrus  sich auf seine Knie und rief demütig aus: "gehen von mir, Herr, ich bin ein sündiger Mensch." Der glückliche Erfolg, statt ihn Stolz zu machen, ließ ihn seine Sündhaftigkeit und Unwürdigkeit erst voll und ganz erkennen. Dieses sollten auch die Erfolge, die wir erringen, zu Wege bringen - uns selbst zu verdemütigen und uns für unwürdig zu halten all der Gnaden, die Gott uns erweist.

2. Der Erfolg darf uns allerdings wohl ermutigen. Wir können ja nicht umhin, uns seiner zu freuen, und es würde töricht sein, ihn ableugnen zu wollen. Wir müssen uns da den Geist des hl. Bernhard aneignen, der die Gaben, womit ihn der liebe Gott überschüttet hatte, dankbar anerkannte, dabei sich aber nicht genug wundern konnte, daß Gott ihn zum Werkzeug so vieler Gnaden gemacht hatte. So sollen wir es immer als einen Beweis von Gottes Macht und Güte ansehen, wenn er uns Erfolg und Segen verleiht und ihm danken, dabei aber demütig anerkennen, daß wir Seiner Gaben unwürdig sind.

3. Sich in dieser Weise zu verdemütigen, namentlich dann, wenn andere uns Beifall zollen, ist nicht immer leicht. Es ist ja ein Kleines, auszurufen: Nicht uns, o Herr, nicht uns, sondern Deinem Namen gib die Ehre! dabei aber doch im Grunde eitel und selbstgefällig von sich zu denken. Der kräftigste Beweis unserer Demut ist es, wenn wir zu solchen Zeiten aus Herzensgrund sprechen können: "Verdemütige mich, o Gott, laß mich meine eigene Unwürdigkeit, meine volle Abhängigkeit von Dir anerkennen, laß Dir allen Ruhm, mir nichts zukommen." Ein solches Gebet ist, wenn es von Herzen kommt, ein sicheres Kennzeichen unserer Demut.



entnommen aus: Die Schule der Demut, R. F. Clarke SJ, Imprimatur Münster, 27. Februar 1900