Sonntag, 21. Mai 2017

Schule der Demut - Kurze Betrachtungen für alle Tage des Monats 21

Quelle: Wikipedia
Hl. Alfons Maria von Liguori
21. Demut bei Zurechtweisung


1. Die eigenen Fehler anzuerkennen, kommt der menschlichen Natur immer hart an. Wir halten uns gern für vollkommener, als wir sind, wenigstens frei von ernstlichen Fehlern. Aber trotz all unserer Bemühungen müssen wir uns eigestehen, daß viele Unvollkommenheiten in uns sind und daß der unterschied zwischen dem Menschen , der guten Willen hat und dem, der sich von Eigenliebe leiten läßt, der ist, daß der eine sich mit aller Entschiedenheit bemüht, seine Fehler abzulegen, der andere dagegen sie zu beschönigen sucht und sie, soviel er kann, den Augen der Menschen verbergen will.

2. Eins der besten Mittel, sich von seinen Fehlern zu befreien, ist, daß man von andern darauf aufmerksam gemacht wird. Hier bemerken wir aber wieder einen großen Unterschied zwischen dem Stolzen und dem Demütigen. Dieser ist dankbar für die Zurechtweisung und sucht sich dieselbe zu nutze zu machen; jener aber wird empfindlich und denkt eher daran, wie er sich rächen kann, als wie er seine Fehler gut macht. Frage ich mich: Gehöre ich zu den Stolzen oder zu den Demütigen? Lasse ich mich bei Zurechtweisungen von Zorn und Empfindlichkeit hinreißen, oder erfüllt mich Sorge und der Wunsch, mich zu bessern?

3. Noch einen andern Prüfstein gibt es für die Demut. Es kommt nicht selten vor, daß der Stolze sich wohl die Zurechtweisung merkt und den Fehler abzulegen sucht, doch ist er ängstlich darauf bedacht, vor dem Zurechtweisenden zu verbergen, daß er seinen Rat befolgt; er will es sich selbst nicht einmal eingestehen, daß er sich von dem andern leiten läßt. Der wahrhaft Demütige dagegen läßt es andere gern sehen, daß er einen guten Rat bereitwillig annimmt und ihn freiwillig, als von Gott kommend, sich zu nutze zu machen sucht. Prüfe dich, ob du diesen Geist besitzest!


entnommen aus: Die Schule der Demut, R. F. Clarke SJ, Imprimatur Münster, 27. Februar 1900