Freitag, 12. Mai 2017

Schule der Demut - Kurze Betrachtungen für alle Tage des Monats 12

12.  Demut und voreiliges Handeln


1. Zu voreiligem, unüberlegtem Handeln treibt die Natur, nicht die Gnade. Ein edler Mensch handelt aus edlen Beweggründen, ein Selbstsüchtiger läßt sich von jedem Eindruck bewegen, der seinem Interesse zu dienen scheint. Handlungen, die aus Übereilung hervorgehen, sind meistens nichtig in den Augen Gottes und verdienen keine himmlische Belohnung. Frage dich also: Lasse ich mich von augenblicklichen Eingebungen bestimmen, und wozu lasse ich mich dadurch führen?

2. Was hat dieses aber mit der Demut zu tun? Recht viel. Nach augenblicklichen Eindrücken zu handeln, geht aus der Wurzel des Stolzes hervor; der Demütige vermeidet es mit der größten Sorgfalt. Beim vorschnellen Handeln sieht man zu leicht nur auf sich selbst, auf seine eigene Befriedigung mehr, als auf die Ehre Gottes, die mich doch allein bei allem leiten soll. Sei es also, daß die Eindrücke, die mich leiten, an und für sich gut sind, so sollte ich doch nicht versäumen, erst mein Herz zu Gott zu erheben, um dadurch jede Handlung, auch die an und für sich gleichgültigste, besonders zu heiligen.

3. Wie gefährlich ist es auch, sich von augenblicklichen Eingebungen leiten zu lassen! Wie oft habe ich schon bittere Ursache gehabt, Handlungen zu bedauern, die daraus hervorgingen! wie oft wäre es besser gewesen, ehe ich sprach oder handelte, zu überlegen! Doch ich konnte dem Drange, meinen augenblicklichen Eindrücken zu folgen, nicht widerstehen. Nicht ließ ich mich zurückhalten durch die innere Stimme, die mir sagte, daß ich im Begriffe stehe, unvollkommen, unüberlegt, ja sogar sündhaft zu handeln! Wie viele unnütze Worte, törichte Handlungen, ja wie viele Sünden gingen daraus hervor! Möchte ich also lernen, vor jeder Handlung demütig mit Gott zu Rate zu gehen und meine volle Abhängigkeit von ihm anzuerkennen!


entnommen aus: Die Schule der Demut, R. F. Clarke SJ, Imprimatur Münster, 27. Februar 1900