Mittwoch, 10. Mai 2017

Schule der Demut - Kurze Betrachtungen für alle Tage des Monats 10

10. Demut und Kritik


1. Die sucht des Kritisierens ist der Demut sehr gefährlich. Wer gern kritisiert, setzt sich leicht selbst über die Person, oder doch seine Handlungen über diejenigen, die er kritisiert. Er sieht auf sie herab, maßt sich ein besseres Urteil an. Das alles ist aber dem Geiste der Demut sehr zuwider. Wie schön wäre es, wenn wir es uns zur Gewohnheit machten, andere zu loben, wo wir nur eben können, da aber, wo dieses eben nicht möglich ist, zu schweigen oder zu entschuldigen.

2. Ungerechtes oder bitteres Kritisieren ist oft ein Zeichen maßlosen Stolzes. Es mag ja so manches, was wir an andern auszusetzen haben, noch so tadelnswert sein, wir dürfen doch niemals bitter oder kränkend werden; das ist nie zu entschuldigen. Und gewiß ist es, daß wer leicht und scharf urteilt, oft dazu kommt, falsch und ungerecht zu urteilen, während der wahrhaft Demütige stets geneigt ist, die Charaktere, sowie die Handlungen anderer milde zu beurteilen.

3. Und doch wie verbreitet ist die Gewohnheit des Kritisierens! Wie manche, die sich für gute Christen halten, ziehen gegen ihren Nächsten mit einer Lieblosigkeit zu Felde, wie es dem Geiste der Kirche und ihrer Heiligen wahrlich nicht entspricht. Der wahrhaft fromme Christ ist sanftmütig in seinen Reden und Urteilen und sucht das Vorbild Seines göttlichen Meisters nachzuahmen, der zur Ehebrecherin gesagt hat: "Ich will dich nicht verurteilen." Prüfe dich, ob du frei bist von dem Fehler des freventlichen Urteilens, und versprich Besserung!


entnommen aus: Die Schule der Demut, R. F. Clarke SJ, Imprimatur Münster, 27. Februar 1900