Sonntag, 14. Mai 2017

Die Schule der Demut - Kurze Betrachtungen für alle Tage des Monats 14

Hl. Philipp Neri
14. Demut und Geduld


1. Der wahrhaft Demütige ist geduldig. Geduld und Demut sind unzertrennlich miteinander verbunden. Wer eine geringe Meinung von sich selber hat, ist überzeugt, daß es gut für ihn ist, Widerspruch zu ertragen, sich nach andern richten zu müssen, seine Pläne scheitern zu sehen, üble Laune von dieser, Ungerechtigkeit von jener Seite erfahren zu müssen! Alles dieses sieht er als verdient, als ihm zukommend, an. Bin ich auch so geduldig und bereit, Unannehmlichkeiten zu ertragen?

2. Ungeduld ist ein sicheres Zeichen versteckten Stolzes. Geben wir ihr nach, regen wir uns ungebührlich auf, wenn uns etwas nicht nach Wunsch geht, so können wir überzeugt sein, daß wir die vollkommene Demut noch nicht besitzen. Jede ungeduldige Aufregung (es sei denn, daß sie wider Willen oder aus gutem Grunde entstände) ist ein Zeichen von Stolz. Es zeigt, daß wir die Lehre der demütigen Ergebung und Unterwürfigkeit noch nicht erfaßt haben. O wie ungeduldig bin ich noch, trotzdem ich schon seit Jahren nach Tugend strebe! Wie tief muß der Stolz in mir verwurzelt sein! Wie kann ich dies verabscheuungswürdige Laster in mir ausrotten?

3. In der Schule der Geduld  üben wir am besten die Demut. Täglich bieten sich Gelegenheiten, wo wir den Geist der Ungeduld in uns bemeistern können. Jetzt setzt das Benehmen eines Freundes unsere Geduld auf die Probe, dann treffen wir mit solchen zusammen, die uns unsympathisch sind; hier stört uns ein Geräusch, dort nehmen andere den Platz ein, der uns zukommt - alles dieses sind Gelegenheiten zur Übung der Geduld, zur Erlangung der Demut, die wir uns nur durch stilles Ertragen und Ausharren erwerben können.


entnommen aus: Die Schule der Demut, R. F. Clarke SJ, Imprimatur Münster, 27. Februar 1900